„80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und damit dem Ende der NS-Diktatur und angesichts zunehmender nationalistischer Tendenzen ist, so glaube ich, das Thema „Widerstand“ wieder akut“. Mit diesem einleitenden Satz begann unser OV-Mitglied und Vorstand Peter Wilde seinen hochinteressanten Spaziergang durch Stuttgart, um an Menschen und Orte zu erinnern, die eine Rolle im Widerstand gegen das NS-Regime in den Jahren 1933 – 1945 gespielt haben. Er sprach diesen Satz vor dem Hotel Silber, dem berüchtigten Sitz der Politischen Polizei in Württemberg und später der Gestapo. Er erinnerte an unseren Kreisvorsitzenden Kurt Schumacher, den Staatspräsidenten Eugen Bolz und die WiderstandskämpferInnen, die dorthin zu grausamen Verhören mit Folter gebracht wurden.
Peter Wilde erinnerte an bekannte, in Stuttgart geborene Menschen, die aktiv gegen das NS-Regime gekämpft haben, wie Erwin Schöttle, Fritz Elsaß oder Fritz Bauer, an die „Zugereisten“ wie etwa Kurt Schumacher, aber auch an alle anderen unbekannten GenossInnen, die dem Regime die Stirn geboten haben.
Am Stuttgarter Rathaus rief Genosse Wilde den Stuttgarter OB Karl Lautenschlager in Erinnerung, der 1933 durch den NSDAP-Mann Strölin aus dem Amt gedrängt wurde. Auch in Stuttgart begann so im März 1933 der braune Terror. Jetzt begann nach den Kommunisten auch die Ausschaltung der SPD aus der Gemeindepolitik. 190 Angestellte der Stadtverwaltung wurden sofort entlassen, weil sie Juden, Kommunisten oder Sozialdemokraten waren. Dies bedeutete natürlich für diese Menschen eine existenzielle Katastrophe.
Viele Stolpersteine erinnern heute in Stuttgart an aufrechte Menschen, die sich nicht dem braunen Terror gebeugt haben. Exemplarisch erinnerte Peter Wilde an Julius Baumann, der leidenschaftlicher Sportler und Schiedsrichter bei den Stuttgarter Kickers war. Der Verein hatte viele jüdische Mitglieder, so auch Julius Baumann. Er hätte aus Deutschland fliehen können, da er eines der seltenen Einreisevisa nach England ergattert hatte. Aber er blieb in Stuttgart. Er hielt Sportunterricht für jüdische Kinder. Er wollte den Kindern und Jugendlichen ein bisschen Lebensfreude verschaffen, da ihnen doch inzwischen alles verboten war. Auch das Leben Julius Baumanns endete tragisch, so wie das Leben vieler. Er kam ins KZ Mauthausen und wurde dort nach offizieller Version „auf der Flucht erschossen“.
Weiter ging es zum Kaufhaus Schocken, das in den 1920er-Jahren nach Entwürfen von Erich Mendelsohn in Stahlskelettbauweise errichtet wurde, aber in dieser Form nicht mehr erhalten ist. Hier erinnert die Stadt Stuttgart seit Neuestem an ihre 1933 entlassenen Mitarbeiter. Gleichzeitig ist das Kaufhaus Schocken eines der vielen Beispiele dafür, wie sich Leute im Rahmen der Arisierung an jüdischem Besitz bereicherten und nach dem Krieg größtenteils weiter behielten.
Die SPD-Parteizentrale, das SPD-Haus, war Anfang der 1930er in der Friedrichstr. 13 beheimatet, eng verbunden mit zwei wichtigen Protagonisten des SPD-Widerstands, nämlich Kurt Schumacher und Erwin Schöttle. Beide kamen 1930 zur SPD in Stuttgart, als Kreisvorsitzender bzw. Parteisekretär. Beide erkannten früh die Gefahren, die von der aufkeimenden NSDAP ausgingen, deren Wesen nach Schumacher im „Appell an den inneren Schweinehund“ bestand. Erwin Schöttle emigrierte in die Schweiz. Er unterstützte aber nach wie vor die Stuttgarter Genossen mit auf verschiedenen Wegen eingeschleusten Druckschriften. Kurt Schumacher setzte seine Tätigkeit im Untergrund fort und wurde im Juli 1933 verhaftet, was einen über 10-jährigen Leidensweg durch die KZs Heuberg, Oberer Kuhberg Ulm und Dachau nach sich zog. Körperlich schwer geschädigt, aber geistig ungebrochen arbeitete er nach 1945 am Aufbau eines demokratischen Deutschlands.
In der Werderstraße erinnerte Peter Wilde an das Stuttgarter Kabelattentat vom 15.02.1933. An der Werderstraße stand in Richtung Neckar die heute nicht mehr existierende Stadthalle. Am 04.03.1933, also schon Wochen nach der Machtergreifung, fand die letzte Großveranstaltung der SPD für lange Zeit statt. Hauptredner war Kurt Schumacher und führte aus: „In der NSDAP ist alles vereinigt, was krank und faul und moralisch defekt ist“ und „Hitler bedeutet Krieg“. Dieser hatte zwei Wochen zuvor in der Stadthalle eine Rede gehalten, die vom nahe gelegenen Rundfunk ins ganze Reich übertragen werden sollte. Millionen sollten dem Führer zuhören, bis, ja bis mitten in seinen 1½-stündigen Eskapaden plötzlich Stille im Äther herrschte. KPD-Anhänger hatten mit 2 Axthieben die Sendekabel gekappt. Das Sendekabel war weitestgehend unterirdisch verlegt, nur im Hinterhof der Werderstr. 14 verlief es offen und wurde dort von den mutigen Männern der KPD zerstört.
Im Schlossgarten rief Peter Wilde Hans Gasparitsch ins Gedächtnis, der die sogenannten Roßbändigerstatuen mit den Schriftzügen „Hitler=Krieg“ und „Rotfront“ bemalte, was ihm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ 1935 eine 2½-jährige Gefängnisstrafe einbrachte. Anschließend kam er in „Schutzhaft“ in verschiedenen KZs, die er nur knapp überlebte.
Am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus gedachten die Teilnehmenden unseres Spaziergangs in Stille aller Menschen, die den Gewalttaten der Nationalsozialisten ausgesetzt waren und ihr Leben lassen mussten. Peter Wilde erinnerte daran, dass die Täter nur zum Teil zur Rechenschaft gezogen wurden und einige nach dem Krieg schnell wieder hohe Ämter bekleideten. Zu den Menschen im Widerstand sagte er, dass sie dafür, dass sie ihr Leben riskiert haben und oft genug den Tod auf bestialische Weise fanden, nur wenig bewirken konnten. Es bleibt aber für uns heute trotzdem Mahnung: „Dass es trotzdem Menschen im Widerstand gab, war und ist bis heute wichtig, denn sie zeigten und zeigen, es gab ein anderes Deutschland! Und das ist gut so!“. Dies waren die Schlussorte von Peter Wilde, dem der SPD-Ortsverein ganz herzlich für seine sehr gute und informative Führung dankt.